Sündenfrei dank Pilgerfleck

Montag, 13.8.2018

Sündenfrei dank Pilgerfleck

Einmal in die Sommerfrische WG eingecheckt, bist du Tag und Nacht von einem Entertainment Programm umgeben das für jeden Geschmack, Alter, Lebensphase, Konditionslevel oder Fun Faktor etwas zu bieten hat. Außer du sagst Boot putzen, zum Altglas fahren oder Pilgern. Dann bist du gleich einmal alleine, obwohl alles Drei eine meditative und reinigende Wirkung hat, auf mich jedenfalls. Pilgern geht hier praktisch von der Haustüre weg und stellt nur eine unwesentliche Verlängerung meiner üblichen Laufstrecke dar. Aus der Bucht von Sankt Gilgen, geht es im Uhrzeigersinn einfach nur den Wolfgangsee entlang. Noch in der Ortschaft am Hotel Billroth vorbei, runter in die Bucht von Brunnwinkel und dann bist du gleich direkt neben dem See. Die Runtasticer unter uns schalten spätestens hier auf lautlos, denn Stehenbleiben, Innenhalten oder Fotos machen, braucht nicht von einer Stimme aus dem Handy kommentiert zu werden. Schon nach 2 Kilometer, kurz vor der lauschigen Bucht Fürberg, ein Bankerl mit einer Überblickskarte für Interessierte. Noch ist es erlaubt zu Lesen, wer weiß wie lange, denn sonst ist dort schon vieles Verboten: Parken, Fahren, Füttern, Fischen, Anlegen, Ablegen sowieso, vor xx Uhr und nach xx Uhr, Zufahren, irgendwas mit Gästen, alles mit Mist, Lärm und Campen (siehe auch Topfenkuchen), dass der Fürberger, trotz des Charmes einer Gemüsekiste und Social Skills eines Nordic Walking Steckens so beliebt ist, liegt an Küche und Lage. Bei Kilometer 2,5, schon im Waldbad, die Weggabelung. Rechts geht´s wie sonst oft in die Liebesbucht, diesmal aber links hinauf den Pilgerweg über den Falkenstein, der hier bei dem kleinen Schupfen mit den bösen Augen (seihe Bild) seinen offiziellen und beschrifteten Anfang nimmt. Was nirgends steht, auf jeden Fall, JETZT, einen flachen Stein mitnehmen! Und es geht dahin, steil bergauf, hier muss stark mit Unterstützung der Playlist gerechnet werden, jetzt braucht es ein paar Power-Lieder, laut, daß ich mein Schnaufen nicht höre. Die ersten verzweifelten Radfahrer kommen entgegen. Viele glauben, der See lässt sich per Rad umrunden, haben aber die kleinen vielen feinen Geländestriche auf den Karten ignoriert, jetzt müssen sie aufpassen, daß sie da irgendwie runterkommen. Endlich Kilometer 3, eine kleine Kapelle und Steinskulpturen. Hier stapelst du den Stein auf eins der Männchen-Pyramide und lässt gleich einmal alle Sünden hinter dir, so einfach geht das. Noch ein paar Meter und du erreichst das kleine Hochtal mit Falkensteinkapelle. Einen Sommer lang waren so Hippie Typen in der Orts-Disco unterwegs. Hatten Rasta-Locken bis zur Hüfte was beim Head Bangen ordentlich Eindruck gemacht hat. Es hat sich herausgestellt, sie sind alle Wissenschaftler die für ein großes geheimes Forschungsprojekt mit Ultraschall das Gelände rund um die Falkensteinkapelle untersuchen, denn dort oben gibt es allerhand sensationelles aus der Hallstattzeit, cool. An die lustige Runde, ihren Durst und ihre Joints muss ich dort oben oft denken. Dann betritt der eifrige Pilger die Kapelle. Von der Kapellenglocke herunter hängt ein langes abgegriffenes schon speckiges Seil mit vielen Knoten drinnen. Es heißt, wenn nach einmal ziehen 3 x die Glocke läutet, schaut´s gut aus. Ein Münze in die Spendenbox und ein Kerzerl in den Sand stecken schadet auch nicht. Weiter, schon in Sichtweite ein unscheinbares Stein-Häuserl. Da muss man rein, sobald sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben hin zu der Quelle in der Ecke, trinken und Augen benetzen. Die Wahlfahrer haben sich dort ihre Pilgerfläschchen gefüllt und wie Weihwasser mitgenommen, wirkt einfach nur Wunder. Noch ein Anstieg, dann aber gleich geschafft, der Höchste Punkt des Pilgerweges ist fast überwunden. Ein beeindruckender Stein-Quader liegt in einer Holzhütte, von dort hat angeblich der Heilige Wolfgang eine Sichel geschleudert und seinen Burschen angekündigt, daß dort, wo die Sichel hinfällt, er eine Kirche errichten wird. Muss einen riesen Ärmel gehabt haben, denn von der Stelle nach Sankt Wolfgang Mitte sind es locker noch 4 Kilometer. Der Pilgerlauf wird jetzt angenehm, es geht durch den Wald munter bergab, die fast schon 30 Grad sind dort noch nicht zu spüren und ab sofort dürfen die Entgegenkommenden mit dem Pilger Hand-zeichen, eine Art “Victory” von schräg unten nach oben begrüßt werden. Die paar Radfahrer tun mir jetzt schon leid, aber warnen ist sinnlos. Über eine schöne Weide geht es runter in den Ortsteil Ried, dann wieder am See entlang, bei der Segelschule Raudaschl vorbei überquert man hier die Landesgrenze und ist in Oberösterreich. Kurz danach die Talstation der Schafbergbahn und gleich muss da bei der Esplanade ein Brunnen sein. Ist er aber nicht, das Hüttl der Wasserskischule gibt sehr freundliche ein Glas Wasser aus, danke! Weiter geht es vorbei am alten Kino, dort hat es solange ich denken kann “Das weiße Rössl am Wolfgangsee” im Dauerloop gespielt, schade, jetzt ist da eine Pizzeria, das Abenteuerhotel Scaleria und fast kein Saft mehr am Handy……also kehre ich in der Kaffeefabrik ein, in der Hoffnung ich kann mich kurz anhängen, aber nein. Der Espresso ist trotzdem super, 2 große Gläser Wasser dazu, und ja, Instagram ist total wichtig, der Besitzer von der Kaffeewerkstatt ändert gleich seinen Namen ist ganz begeistert von den vielen Markierungen die er hat, ohne es gewusst zu haben! Ein Spießrutenlauf jetzt um die vielen Touristen, kein Abstecher in die Kirche, das offizielle Pilgern ist vorbei, ich aber weiter über Appesbach zum Bürglstein. Dort endet auch die Aufzeichung am Handy, wir sprechen von Kilometer 12, wurscht, Strobl ist schon zu sehen. Bis zum Brunnen bei der Bank mit Bankomat, ab dort gehe ich zum Postbus und leiste mir ein Ticket um 4 Euro im klimatisierten Bus nach Sankt Gilgen zurück. Am kleinen Markt im Ort nehme ich noch ein Kilo Zwetschen mit, daheim sind noch nicht alle wach und mach einen Zwetschkenfleck. Noch was ist jetzt erlaubt und darf vom Pilger weitergegeben werden: einen Zwetschgenkern darf man sich aufheben und an einer Stelle ablegen, für den Fall, daß etwas gegen eine kleine Sünde gebraucht wird und noch einen schönen Pilgergruß aus der Sommerfrischeküche!

Hier gehts zum Zwetschkenfleck

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